Von Fürsten, Pfarrern und Fabrikanten

Obstbau und Obstzüchtung im heutigen Rhein-Kreis Neuss

„Der Niederrhein bescherte dem deutschen Obstbau im vergangenen Jahrhundert die drei erfolgreichen Obstsortenzüchter W. Schumacher, Vikar zu Ramrath (1800–1864), Oberpfarrer Henzen, Elsen (1801–1888), Ingenieur Diedrich Uhlhorn jun. (1843–1915), Grevenbroich. Alle drei hatten ihr Wirkungsfeld im Kreise Grevenbroich.“ So beginnt ein Artikel, der zum einhundertsten Geburtstag von Dietrich Uhlhorn erschien (Möhring 1944: 1).

Dass diese Region zum Hotspot der Obstzucht wurde, kam nicht von ungefähr. Viele unserer heute bekannten Kultur-Obstsorten gelangten mit den Römern bereits in den ersten Jahrhunderten nach Chr. in das Rheinland (Knörzer et al. 1999). Im Mittelalter waren in Mitteleuropa bereits zahlreiche Sorten, besonders bei Apfel und Birne bekannt.

Die urkundliche Erwähnung (1403) eines Bauernhofes „Zum Byrboume“ in Kleinenbroich bei Neuss deutet auf das Vorkommen der Birne als „Haus- und Hofbaum“ am Niederrhein hin (Bremer 1930).

Vor der Einführung der Kartoffel stellte Obst ein zentrales Nahrungsmittel, vor allem als Dörrobst für die Wintermonate dar und galt als „... gut arm mans Kost“ (Lucke et al. 1992: 19). Entsprechend fanden altbewährte, ertragsreiche und –sichere Sorten eine weite Verbreitung und die vielfältigen Nutzungen (Kochen, Trocknen, Most- und Krautherstellung) bestimmten über lange Zeit die Sortenpalette. So war es bis in das 20. Jahrhundert am Niederrhein Brauch Edelreiser eben dieser Sorten bei einem Besuch zu schenken, die so von Hof zu Hof und Dorf zu Dorf gelangten.

Mit Beginn der Aufklärung sorgten Landesherren und Adel für die Einführung und Verbreitung neuer, „edlerer“ Obstsorten. In unserer Region war hier frühzeitig das zwischen Grevenbroich und Neuss gelegene Schloß Dyck ein herausragendes Zentrum. Bereits 1569 wurden hier Kirschbäume veredelt, später ist dieses auch für Aprikosen (1664) und Birnen (1734) belegt. 1789 entstand auf Schloß Dyck die erste Obstbaumschule (Bremer 1959: 286f). Unter Fürst Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck wurden um 1800 zahlreiche Obstsorten des In- und Auslandes zu Versuchszwecken angepflanzt. Pfropfreiser kamen aus Paris, den Niederlanden und Brüssel, wo schon früh große Obstbaumschulen existierten (Bremer 1959:287).

Von Schloß Dyck aus gelangte das Wissen und die Sorten, wie beispielsweise die Dycker Schmalzbirne, mit Beginn des 19. Jahrhunderts in die Gärten der „näheren und weiteren Umgebung“ (Schipper 1943:10). Im Dycker Ländchen entstand früh ein Erwerbsobst- und Gemüsebau und von hier wurden die Wochenmärkte von Rheydt, Mönchengladbach, Neuss, Düsseldorf und Köln mit frischem Obst beliefert. „Stessener Pflaumen“ waren weithin geschätzt.
Seit 1900 entwickelte sich Schloß Dyck mit ca. 31 Hektar Anbaufläche zum damals größten Obsterzeuger am Niederrhein. Ab 1940 hatte es eine Versuchsanlage mit 32 Sorten, deren Eigenschaften auf den verschiedenen Unterlagentypen hier geprüft wurden. Zu dieser Zeit hatte die Obstbaumschule eine Größe von ungefähr 6 Hektar (Bremer 1959).
Neben dem Adel widmete sich zunehmend auch das gehobene Bürgertum, Ärzte und Pfarrer der Obstkultur und der Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit vitaminreicher Kost.
Der Vicar von Ramrath, Johann Wilhelm Schumacher war einer dieser Pfarrer. In seiner Baumschule, die Mitte des 19. Jahrhunderts zu den „Besten des Rheinlandes“ zählte, baute er „603 Aepfel, 584 Birnen-, 115 Kirschen- und 138 Pflaumenarten“ an „und unter andern Obstarten (hat er) 12 neue Aepfelsorten (z.B. „Garibaldi“) aus Samen gezogen“ und „so oft er Obst-Ausstellungen beschickte, erhielt er eine verdiente Auszeichnung“ (Anonym 2008: 72). Lehrmeister für ihn und seine beiden Geschwister (sein Bruder wurde Baumgärtner in Roermond) war deren Mutter, die das Handwerk des Veredels und die Pflege der veredelten Bäume „mit bestem Erfolge“ verstand (Anonym 2008: 68). Das Wissen für den Aufbau und Betrieb einer Baumschule vermittelte ihm der Gartendirektor von Schloß Dyck, W. Funke, mit dem zusammen er für die Obstausstellung Köln 1864 als Preisrichter berufen war. Beide erarbeiteten auch eine Sortenliste der geeignetesten und besten Sorten mit je 18 Äpfel und Birnen sowie je 6 Kirschen und Pflaumen.

Ein anderer war Oberpfarrer Conrad Henzen, der „schon in früher Jugend ein recht eifriger und tüchtiger Baumzüchter“ war und bereits mit 11 Jahren den Schnitt der Obstspaliere im elterlichen Obstgarten in Wassenberg übernahm; wenig später erlernte er auch das Veredeln (Lucas 2005: 67). Nach seinem Studium und Priesterweihe mit Stationen in Aachen und der Eifel wurde er 1861 als Oberpfarrer nach Elsen, heute ein Ortsteil von Grevenbroich, berufen (Lucas 2005). Dort betrieb er eine kleine Baumschule mit ca. 1500 Bäumen, hielt Vorträge, machte Schnitt- und Veredelungskurse und organisierte Ausstellungen. Er fand Methoden den Schädlingsbefall von Blutlaus und Raupen einzudämmen. Die Selektion von Apfel-Kern-Sämlingen betrieb er sehr erfolgreich, so dass er allein 1878 „16 neue, grösstentheils sehr werthvolle, edle Aepfel zur Bestimmung“ vorstellte (Lucas 2005: 70). Leider ist uns von Henzens Züchtungen, wie beispielsweise General Henzen, Henzens Gulderling oder Henzens Parmäne (Votteler 1998), keine erhalten geblieben.

Vincenz von Zuccalmaglio (1806 – 1876), rheinischer Schriftsteller („Montanus“) und Notar in Grevenbroich war einer dieser Förderer und „die Verbesserung des Obstanbaus in den Rheinlanden“ war eines seiner großen Anliegen (Pradel 2004: 116). Vorbild war ihm sein Onkel, Vinzenz Joseph Deycks, der mit seinem Engagement wesentlich zur Entwicklung der Bergischen Obstkammer beitrug. Anders als sein Onkel war Zuccalmaglio kein Praktiker, sondern erarbeitete einen Gesetzentwurf und verfasste zahlreiche Schriften und Bücher. Darunter auch ein Buch, das auf Empfehlung des Regierungspräsidenten von Düsseldorf für den Schulunterricht entstand und später ins Italienische, Französische und Holländische übersetzt wurde (Pradel 2004).

Ein Freund Zuccalmaglios war der Grevenbroicher Maschinenfabrikant Johann Heinrich Uhlhorn. Dieser war ebenfalls Obstliebhaber und „Uhlhorns Wunderaprikose“ ist eine Sorte, die er züchtete.
In diesem Umfeld wächst sein Sohn Diedrich Uhlhorn (1843 – 1915) auf und es verwundert nicht, dass er neben der Entwicklung neuartiger Maschinen, sich auch sehr intensiv und erfolgreich der Obstsortenzucht zuwendet. Bevor er mit der Obstsortenzucht begann, beschäftigte er sich lange Zeit mit der Pflanzenzucht und -kultur in Theorie und Praxis. „Er baute gegen 180 Apfelsorten, 40 Erdbeersorten, viele Birnensorten in seinem Garten an“ und studierte intensiv ihre Eigenschaften (Möhring 1944). Bei seinen gezielten Kreuzungen machte er sich diese Erfahrungen zu Nutze und wählte zwei sich in ihren Eigenschaften ergänzende Sorten. Bevor er seine Züchtungen aber dem Handel übergab, hat er sie stets zunächst langjährig beobachtet. So hat er die zu Ehren seines Schwiegervaters „Von Zuccalmaglio Renette“ benannte Apfelsorte erst nach 20 Jahren 1878 der Öffentlichkeit übergeben. Andere, heute noch erhalten gebliebene Sorten Uhlhorns sind die „Goldrenette Freiherr von Berlepsch“, „Ernst Bosch“, „Creo“, „Uhlhorns Augustkalvill“, „Feys Rekord“ sowie die „Grevenbroicher Knorpelkirsche“.

„Wo dafür Raum
Pflanz’ einen Baum
Jährlicher Frucht
Von edler Zucht,
Und pfleget sein!
Er bringt dir’s ein,
Wenn nicht alsbald,
Doch tausendfalt.“

(Zuccalmaglio 1865: 25)